Und wieder möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu einem kleinen bekannten Gedankenexperiment einladen. Stellen wir uns eine Maus vor, die in einer Welt lebt, die nur zwei Dimensionen kennt. Alles, was sie sieht, alles, was sie berührt, alles, was sie begreift, ist flach wie ein Blatt Papier. Für diese Maus ist die Welt vollständig, abgeschlossen, logisch. Bis eines Tages etwas geschieht, das sie nicht einordnen kann: Eine dreidimensionale Katze taucht auf.
Doch die Maus sieht die Katze nicht so, wie wir es tun würden. Sie sieht keine Pfoten, keinen Körper, keinen Schwanz. Sie sieht nur Linien, die plötzlich erscheinen, sich verändern, wieder verschwinden. Für die Maus ist die Katze kein räumliches Wesen, sondern ein zeitliches Ereignis. Die Katze tritt nicht in den Raum der Maus ein — sie tritt in ihre Zeit ein. Die Maus erkennt die Katze nur, indem sie beobachtet, wie sich die Linien verändern. Erst eine kleine Form, dann eine größere, dann eine andere. Die dritte Dimension der Katze wird für die Maus sichtbar, indem sie sich durch die Zeit hindurch entfaltet. Die Maus sieht die Katze nicht im Raum, sondern im Voranschreiten der Information.
Was sind also Zeit und Information?
Zeit ist in diesem Gedankenexperiment nichts anderes als die Achse, entlang der eine höhere Realität sichtbar wird. Die Maus kann die Katze nicht gleichzeitig in ihrer ganzen Form erfassen. Sie kann sie nur als Abfolge von Informationszuständen wahrnehmen. Zeit ist die Struktur, die diese Abfolge ordnet. Wenn wir diesen Gedanken auf unsere eigene Welt übertragen, entsteht ein faszinierender Gedanke: Vielleicht ist auch unsere Zeit nichts anderes als die Projektion einer höheren Struktur, die wir nicht vollständig sehen können. Vielleicht ist Zeit die Art und Weise, wie wir die Veränderung von Information wahrnehmen.
Denn Information verändert sich. Sie nimmt neue Formen an, neue Ausprägungen, neue Muster. Doch sie verschwindet nicht. Sie driftet auseinander, ja - verteilt sich, bildet geometrische Wahrscheinlichkeitsgebilde, die sich mit jeder Sekunde weiter ausdehnen. Die Entropie steigt, und mit ihr steigt die Vielfalt der möglichen Informationszustände. Zeit ist der Fluss, der diese Veränderung trägt. Aber dieser Fluss ist nicht beliebig. Er ist begrenzt durch die Geometrie der Raumzeit; denn sie findet ja dort statt. So wie die Maus nur bestimmte Schnitte der Katze sehen kann, können wir nur bestimmte Informationsoperationen erleben. Die Zukunft ist kein offener Ozean, sondern ein Wahrscheinlichkeitsraum, dessen Form durch die Struktur der Raumzeit vorgegeben ist. Auch wenn die Anzahl der möglichen Informationszustände wächst, bleibt sie doch immer definiert, niemals unendlich, niemals chaotisch - sondern in matematischem Sinne auch wenn der Aufwand exponenziell über unser technisches Vermögen steigen mag - immer berechenbar.
Damit wird Zeit zu einer gerichteten Struktur: Sie zeigt immer in die Richtung steigender Entropie. Die Welt bewegt sich von Ordnung zu Unordnung, von Einfachheit zu Komplexität, von wenigen Möglichkeiten zu vielen. Dieser thermodynamische Zeitpfeil ist kein Zufall, sondern die statistische Konsequenz eines Universums, in dem Information erhalten bleibt, aber ihre Ausprägungen sich vervielfältigen.
Und so kommen wir zu einer letzten, tiefen Einsicht: Information hat keine kleinste Einheit. Sie ist nach unten und oben offen, so wie die Zeit selbst. Es gibt keinen kleinsten Zeitabschnitt, keinen letzten Informationsfunken, keine absolute Grenze. Man mag das "Bit" als Informationseinheit entgegenhalten - aber slebst ein Bit besteht letztlich aus Elektronen, die wiederum aus noch kleineren Teilchen bestehen. Zeit und Information sind also kontinuierliche Projektionen einer tieferen, vielleicht diskreten, vielleicht unendlich feinen Struktur, die wir nur als Veränderung wahrnehmen.
Die Maus sieht die Katze als zeitliche Abfolge, weil sie die dritte Dimension nicht sieht. Wir sehen die Welt als zeitliche Abfolge, weil wir die vierte Dimension nicht vollständig sehen. Vielleicht ist Zeit nichts anderes als die Art und Weise, wie eine begrenzte Wahrnehmungswelt eine reichere Realität erfassen kann. Vielleicht ist Zeit die Form, in der Information sichtbar wird. Sicher ist Zeit das, was entsteht, wenn die Welt also Information sich verändert. Information ist also proportional zur Zeit.