Webseite von Peter Andreas Lisker

Nachdem wir im schon betrachtet haben, dass eine zweidimensionale Maus eine dreidimensionale Katze nur als zeitliche Abfolge von Informationszuständen wahrnehmen kann, wollen wir nun einen Schritt weiter gehen. Denn aus dieser einfachen Analogie ergibt sich eine überraschend tiefgreifende Einsicht: Wenn Zeit das Voranschreiten von Informationsveränderung ist, dann muss jede Veränderung der Zeit auch eine Veränderung der Information sein. Und wenn Zeit relativistisch gedehnt oder gestaucht werden kann, dann gilt das auch für Information.
Das klingt zunächst abstrakt, doch es ist eine direkte Konsequenz aus dem Gedanken, dass Zeit und Information proportional zueinander sind. Wenn die Zeit eines Systems langsamer vergeht, dann verändert sich auch seine Information langsamer. Wenn die Zeit schneller vergeht, dann verändert sich seine Information schneller. Zeitdilatation wird damit zu Informationsdilatation.

Stellen wir uns ein Objekt vor, das sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt. Nach der Relativitätstheorie vergeht seine Zeit langsamer als die Zeit eines ruhenden Beobachters. Doch was bedeutet das, wenn wir Zeit als Informationsfluss begreifen? Es bedeutet, dass das bewegte Objekt weniger Informationsveränderung pro Sekunde erlebt. Seine Informationsausprägungen verändern sich langsamer, seine Entropie steigt langsamer, seine Zukunft entfaltet sich langsamer. Die Informationslandschaft, die es durchschreitet, wird gedehnt. Für den Beobachter im bewegten Objekt fühlt sich alles normal an. Doch aus Sicht des ruhenden Beobachters scheint das Objekt „weniger zu tun“, weniger zu verändern, weniger Information zu produzieren. Die Zeitdilatation ist damit eine Informationsdilatation: Die Veränderung der Information wird relativistisch gestreckt.
Wir sehen daraus auch unter Bezugnahme auf unser Gedankenexperiment mit dem schwarzen Loch: Information mag sich verlangsamen, aber bleibt grundsätzlich erhalten.

In Umkehrung der Dilatation gilt das Gleiche. Ein Beobachter, der sich relativistisch bewegt, sieht die Information eines ruhenden Systems schneller ablaufen. Seine Informationsausprägungen verändern sich schneller, seine Entropie steigt schneller, seine Zukunft entfaltet sich schneller. Die Information des ruhenden Systems erscheint komprimiert. Zeitstauchung ist Informationsstauchung.
Damit ergibt sich ein faszinierender Gedanke: Die Relativitätstheorie ist nicht nur eine Theorie über Raum und Zeit. Sie ist eine Theorie über die Geometrie der Informationsveränderung. Alles, was Zeit beeinflusst — Geschwindigkeit, Gravitation, Energie — beeinflusst auch Information. Und alles, was Information beeinflusst — Entropie, Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Quantenverflechtungen — beeinflusst auch Zeit. Besonders spannend wird es, wenn wir den Grenzfall betrachten: die Lichtgeschwindigkeit. Ein Objekt, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, erlebt keine Zeit. Für ein Photon vergeht keine Sekunde. Doch ein Photon trägt Information. Es verändert sie nicht, aber es transportiert sie. Das bedeutet: Information kann existieren ohne Zeit zu erleben. Zeit ist nicht notwendig für Information, sondern nur für deren Veränderung.

Damit wird die Beziehung zwischen Zeit und Information noch klarer: Zeit ist die Form, in der Informationsveränderung sichtbar wird. Information ist die Substanz, die sich durch die Zeit hindurch entfaltet. Und die Relativität ist die Geometrie, die bestimmt, wie schnell oder langsam diese Entfaltung geschieht. Wenn wir also herausfinden wollen, was Zeit beeinflusst, müssen wir herausfinden, was Informationsveränderung beeinflusst. Und wenn wir herausfinden wollen, was Information beeinflusst, müssen wir die Geometrie der Raumzeit verstehen. Denn beide sind zwei Seiten derselben Medaille.

Vielleicht ist Zeit also nichts anderes als die Art und Weise, wie eine begrenzte Wahrnehmungswelt die Veränderung einer reicheren Realität erfassen kann. Vielleicht ist Information die Substanz dieser Realität. Und vielleicht ist die Relativitätstheorie die mathematische Beschreibung einer gemeinsamen Geometrie.
Ändern wir die Geometrie der Raumzeit z.B. durch Gravitation, Energie, Masse oder vielleicht Faltung, so hat das Einfluss auf den Informationsfluss.
Eine weitere Konsequenz dieses Zusammenhangs ist ebenso bemerkenswert wie unvermeidlich: Wenn Zeit das Maß der Informationsveränderung ist, dann besitzt auch die Informationsausbreitung eine harte Grenze — die Lichtgeschwindigkeit. Nichts, was Information trägt oder verändert, kann sich schneller ausbreiten als die Zeit selbst. Die maximale Geschwindigkeit der Zeit ist die maximale Geschwindigkeit der Information.